Widerstand in Tibet

Donnerstag, 15. September 2005

Verhaftungen im Vorfeld des 40. Jahrestags der TAR

Wie aus verlässlichen Quellen in Tibet verlautet, hat das chinesische Staatssicherheitsbüro (State Security Bureau = SSB) wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der TAR in Lhasa rund zehn Tibeter festgenommen. Der Name eines der Verhafteten wird als Sonam Gyalpo angegeben. Es ist derzeit nicht bekannt, ob es sich um eine vorübergehende Verhaftung handelt oder ob gegen die Betroffenen Anklage wegen einer bestimmten Straftat erhoben wird.

Sonam Gyalpo wurde am 28. August gegen 18.00 Uhr in Lhasa verhaftet. Er war gerade mit seiner Frau Tsamchoe auf dem Nachhauseweg von dem Verkaufsstand der Familie auf dem Barkhor, wo sie Kleidung verkaufen. Vier Jeeps mit 16 SSB-Beamten standen bereit, um ihn festzunehmen.

Sie verlangten, dass er seinen Haftbefehl unterschrieb, bevor ihn vier Beamte in einem der Jeeps abtransportierten. Die übrigen zwölf SSB-Kräfte durchsuchten drei Stunden lang sein Haus. Sie prüften jeden einzelnen Gegenstand des Haushalts, sie schütteten Reis, Mehl und Tsampa (geröstetes Gerstenmehl) auf die Bettlaken und zerteilten sogar die Butterlaibe in Stücke. Sie fanden vier Videobänder mit Belehrungen des Dalai Lama, ein Videoband religiösen Inhalts sowie einige Bücher und Druckerzeugnisse, die sie alle mitnahmen. Auch mehrere Fotos des Dalai Lama wurden konfisziert.

Sonam Gyalpo wurde 1955 (nach dem tib. Kalender im Holz-Schaf-Jahr) in Kongra, Distrikt Gongkar, Präfektur Lhoka, geboren; er ist von Beruf Schneider. Sein Vater, Ganpo Karma Tsewang, war vor 1959 ein Adliger und hatte in seiner Gegend viel zu sagen (tib: sadag). Er verbrachte 15 Jahre im Gefängnis, weil er die tibetischen Widerstandskämpfer unterstützt hatte. Er starb 1989. Wie viele andere Aristokraten hatte seine Mutter, Lhayang Drolkar, während der Kulturrevolution unter den so genannten “Kampfsitzungen” zu leiden und verstarb 1980 im Alter von nur 45 Jahren.

Erstmals wurde Sonam Gyalpo im September 1987 während einer friedlichen Demonstration zusammen mit 21 Mönchen aus dem Kloster Drepung verhaftet. Später wurde ihm wegen seiner Teilnahme an der Demonstration und weil er Plakate gegen die Reformpolitik angebracht hatte der Prozess gemacht, und er verbüßte drei Jahre im Drapchi-Gefängnis (Gefängnis No. 1 der TAR). Am 20. September 1990 wurde er entlassen. Als er 1993 von einer Indienreise zurückkam, wohin er sich begeben hatte, um den Segen des Dalai Lama zu erhalten, und seinen Bruder in Kathmandu zu besuchen, durchsuchten Sicherheitsleute in Dram (Khasa) an der nepalesisch-tibetischen Grenze sein Hotelzimmer. Sie beschlagnahmten ein paar Packungen Kräuterpillen, die der Dalai Lama gesegnet hatte.

Sonam Gyalpo war ohne gültige Papiere unterwegs, denn als ehemaliger politischer Gefangener hätte er keine Dokumente für eine Auslandsreise ausgestellt bekommen. Dieses Delikt war offenbar die Ursache für seinen zweiten Gefängnisaufenthalt. Gegen Mitternacht des 23. Juli 1993 verhafteten ihn chinesische Sicherheitsbeamte in seinem Haus. Er wurde ein paar Tage lang im PSB-Haftzentrum Sitru festgehalten und dann ins Nyari-Gefängnis nach Shigatse geschafft. Während der sechs Monate in Nyari wurde ihm das Besuchsrecht verweigert, danach kam er ins Sangyip-Gefängnis, wo er weitere sechs Monate blieb. Über die übrigen verhafteten Tibeter ist bisher nichts bekannt.

Übersetzung: Irina Raba, Adelheid Dönges, Angelika Mensching, Hamburg

Mit freundlicher Genehmigung: Internationale Gesellschaft fur Menschenrechte (IGFM)
http://www.igfm-muenchen.de

Dienstag, 13. September 2005

Der Preis des Widerstandes: Meine Geschichte, von Ngawang Sangdrol

Ich wurde 1977 in Lhasa, Tibet, geboren. Meine Familie war zwar arm, aber wir standen uns alle sehr nahe und ich liebte es, mit meinen zwei älteren Schwestern und den vier Brüdern allerlei Spiele zu spielen und mit ihnen zusammen zu sein.
Wenn wir alle gemeinsam zu Hause zu Mittag aßen, pflegte mein Vater uns viele Geschichten über Tibet und das tibetische Volk zu erzählen. Tibet ist seit 1949 von China besetzt, meine Familie hat wirklich sehr unter der chinesischen Herrschaft gelitten.

Mein Vater, Namgyal Tashi, erzählte uns des öfteren von dem Volksaufstand in Lhasa 1959, an dem auch er beteiligt war und der zum Tod und der Verhaftung von Zehntausenden von Tibetern geführt hatte. Meine Mutter berichtete mir, daß er während der Kulturrevolution in den Siebzigern bei den politischen ”Kampfsitzungen” oft so sehr geschlagen wurde, daß er dann bewußtlos nach Hause gebracht worden war. Später wurde ihm noch einmal viel schlimmer zugesetzt, weil er sich weigerte, ein offizielles Schriftstück zu unterschreiben, das die chinesische Politik in Tibet befürwortete. Ich war voller Bewunderung für seinen Mut und seine Entschlossenheit und hegte dieselben tiefen Gefühle für unser Land wie er.

In Tibet ist es Brauch, daß in einer Familie mindestens ein Kind ins Kloster geschickt wird, um eine religiöse Ausbildung zu erhalten, und so trat ich im Alter von 12 Jahren in das Kloster Garu ein. Meine Familie war tief religiös und dem tibetischen Buddhismus innig verbunden, weshalb ich es als ein großes Glück empfand, Nonne zu werden. Sofort fühlte ich mich in der kleinen eng zusammengewachsenen Gemeinschaft richtig wohl.

Ab meinem 12. Lebensjahr begann ich mir bewußt zu werden, wie wahr die Erzählungen meiner Mutter und meines Vaters darüber, wie sehr die Tibeter von den Chinesen unterdrückt werden, eigentlich sind. Die Tatsache, daß Tibet von den Chinesen besetzt ist, wurde für mich eine sehr persönliche Angelegenheit. Es reifte in mir der Entschluß heran, etwas zu tun, auf irgendeine Weise Widerstand zu leisten. Es ist nicht so, daß mich der Ärger dazu gebracht hätte, es ging um etwas viel Tieferes. Eines Tages sprachen einige der Nonnen davon, daß sie gegen die Chinesen protestieren wollten. Ich entschloß mich, mich diesen Nonnen bei ihrer politischen Demonstration anzuschließen.

Eines Morgens machten wir uns auf den Weg, um bei einem religiösen Fest im Norbulingka, dem ehemaligen Sommerpalast Seiner Heiligkeit, des Dalai Lama, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Ich war damals erst dreizehn und die Jüngste und Kleinste in unserer Gruppe von 13 Nonnen. Wir wußten, daß unsere Aktion viel Aufmerksamkeit erwecken würde, denn bei dem Fest kommen gewöhnlich sehr viele Leute zusammen. Ebenso war es uns bewußt, daß zahlreiche bewaffnete chinesische Polizisten anwesend sein würden. Wir marschierten mutig in die Mitte der Menge und begannen ”Lang lebe der Dalai Lama” und ”Free Tibet” zu rufen. Fast noch im selben Augenblick schleiften uns chinesische Polizisten in Uniform und in Zivil weg. Sie zwängten uns in einen Lastwagen, der uns zur Haftanstalt Gutsa außerhalb der Stadt fuhr.

Als wir in Gutsa ankamen, wurden wir viele Stunden lang unter Gewaltanwendung vernommen. Die Gefängnisaufseher erklärten uns, wir seien ”Konterrevolutionäre”, die Tibet von China abspalten wollten. Die Vernehmungsbeamten schlugen uns mit Eisenrohren und manchmal auch mit elektrischen Viehstöcken. Sie banden elektrisch geladene Drähte an unsere Zungen. Sie fesselten uns sogar in der sehr schmerzhaften sogenannten ”Flieger-Stellung”, bei der einem die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden werden und man an der Decke aufgehängt wird. Mir war, als ob meine Arme aus den Schultergelenken gezerrt würden.

Die Aufseher versuchten hartnäckig herausfinden, welche von uns Nonnen den Protest angeführt hätte. Sie wollten uns unbedingt dazu bringen, daß wir uns gegenseitig denunzierten und eingestanden, daß das, was wir meinten für Tibet zu tun, falsch gewesen sei. Aber wir hielten alle fest zusammen, um ihnen Widerstand zu leisten. Jede einzelne von uns sagte, sie sei die Anführerin. Und natürlich schlugen sie uns um so mehr, weil wir nicht klein beigaben.
In der Nacht froren wir ständig und litten Hunger. Ich versuchte Regenwasser aufzufangen, indem ich meine Tasse aus dem Zellenfenster hinaushielt, aber ich war so klein, daß mein Arm kaum durch die Gitterstangen reichte.

Über Nachbarn, die von der Demonstration gehört hatten, fanden meine Eltern heraus, wo ich war, und einmal durfte mich meine Mutter, Jampa Choezom, sogar besuchen. Als ich sie sah, zwang ich mich, nicht zu weinen, denn sie sollte wissen, daß ich stark bin; ich wollte sie nicht unglücklich machen. Wir sprachen fast nichts, meine Mutter konnte keinen Ton herausbringen, so erschüttert war sie, und natürlich waren wir von bewaffnetem Gefängnispersonal umgeben. Als sie gegangen war, brach ich tränenüberströmt in meiner Zelle zusammen.

Neun Monate später wurde ich, ebenso wie die anderen Nonnen, entlassen und durfte nach Hause zurückkehren. Aber meine bisherige Welt war zerbrochen. Während ich inhaftiert war, waren auf einen Zwischenfall hin, bei dem im Kloster Samye die tibetische Flagge gehißt worden war, auch mein Vater und einer meiner Brüder, Tenzin Sherab, ins Gefängnis gekommen. Diese zu zeigen ist nämlich in Tibet verboten. Nur wenige Wochen später starb meine Mutter, wie man mir sagte, an Herzversagen. Ich denke, daß der Schock der Verhaftung meines Vaters und meines Bruders und all die langen Jahre des Leidens die Ursache für ihren Tod gewesen sind. Sie war erst 52 Jahre alt.

Ich blieb mit meinen Brüdern und Schwestern in unserem Haus wohnen, aber wir fühlten uns verlassen. Als ehemalige politische Gefangene wurde mir die Rückkehr in mein Kloster verweigert, so daß ich nicht einmal einen Halt an der Gemeinschaft der Nonnen hatte. Ich wurde ständig von der Polizei überwacht, und es war mir unmöglich, mich mit meinem Freunden zu treffen – ich mußte befürchten, sie dadurch in Schwierigkeiten zu bringen. Einige Zeit lang brachte ich Opfergaben und Gebete für meine Mutter dar und war sonst viel mit der Familie zusammen. Doch während dieser ganzen Zeit wünschte ich mir, politisch etwas tun zu können – hauptsächlich, weil ich Freunde hatte, die noch im Gefängnis saßen, andere Nonnen, die weiter leiden mußten, und ich wollte etwas tun, um zu zeigen, daß ich zu ihnen halte. Als ich etwa 15 war, ging ich mit einigen anderen Nonnen in das Viertel um den Barkhor, dem eigentlichen tibetischen Wohnviertel in Lhasa.
Kaum hatten wir begonnen, nach Freiheit für Tibet zu rufen, packten uns die Polizisten, und ich wurde abgeführt. Dieses Mal sollte es 11 Jahre dauern, bis ich wieder aus dem Gefängnis herauskam.
(Übersetzung eines von Kate Saunders mit Ngawang Sangdrol geführten bewegenden Interviews - The Cost of resistance: My Story by Ngawang Sangdrol - aus dem Buch "Incomparable Warriors". Download des kompletten Buchs (4,24 MB) unter http://www.savetibet.org/documents/pdfs)
Mit freundlicher Genehmigung: Adelheid Dönges, Internationale Gesellschaft fur Menschenrechte (IGFM)
http://www.igfm-muenchen.de

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